
Der niedergelassene Hausarzt mit seinem Stethoskop ist allen Herausforderungen gewachsen. Er ist immer erreichbar. Ob Geburt, Herzinfarkt – was kann man da schon tun, jeder zweite stirbt halt – , Blinddarm oder auch die Druse: Notfalls bei Eis und Schnee mit dem Pferdewagen. Auch an Weihnachten. Der Stand der Medizinischen Kunst in einer Person verwirklicht.
Die Zeiten haben sich seither geändert. Der Fortschritt der wissenschaftlichen Medizin lässt mit Recht etwas anderes erwarten. Die Diagnose soll nicht ungefähr sein. Wir wollen nicht zu 80% sicher sein, dass sich hinter einem Symptom keine schwerwiegende Erkrankung verbirgt, bevor wir den Patienten wieder nach Hause entlassen, sondern zu 99%. Das braucht neben gut ausgebildetem Personal auch Technik: Labor auf dem Stand der Zeit, Bildgebungsverfahren, Geräte.
Ohne Evidenz anzuführen, geht der aktuelle Referentenentwurf für ein Gesetz zur Neuordnung der Notfallversorgung hingegen davon aus, bei den dort unterstellten „Ineffizienzen“ der Notfallversorgung in Deutschland handele es sich in erster Linie um ein Problem der Patientensteuerung und der Kommunikation zwischen Rettungsdiensten, niedergelassenen Ärzten und Krankenhäusern.
Die vorgeschlagenen Maßnahmen zielen deshalb auf verbesserte Kommunikation zwischen den Beteiligten, vor allem aber auf Steuerung der Patienten in die „angemessene Versorgungsstufe“ ab. Hier wird eine stereotyp wiederholte Behauptung der Laienpresse aufgegriffen, eine Überprüfung dieser Vermutung findet aber nicht statt. Die immer wieder beklagte „Überlastung“ der klinischen Notfallmedizin könnte ja auch interne, strukturelle Ursachen haben: Z.B. die im Gegensatz zu vergleichbaren Industrieländern oft noch übliche Spartentrennung der ärztlichen Versorgung nach einzelnen medizinischen Fächern auch innerhalb der Notaufnahmen. Sie wird der breiten Differentialdiagnostik gerade mehrfachkranker alter Menschen, die heute einen erheblichen Teil der Patienten in Notaufnahmen ausmachen, nicht gerecht. Oder die noch vielerorts geübte Praxis, den jüngsten Assistenzarzt in die Notaufnahme zu schicken.
Ein weiteres Problem mag hie und da die Unterordnung der versorgungsorientierten Notfallmedizin unter die Verwertungsinteressen erlösorientierten Wirtschaftens der bettenführenden Abteilungen in den Krankenhäusern aufwerfen. Fehlende fachliche Kompetenz bei in Deutschland verspätet beginnender Professionalisierung des Faches „Klinische Notfallmedizin“ spielt eine Rolle, ebenso wie die vielerorts stark veraltete bauliche und technische Infrastruktur der Krankenhausnotaufnahmen.
Aktuelle Evidenz spricht jedenfalls eher gegen die Vermutung, mit reiner Patientensteuerung könne eine wesentliche Umverteilung von Patienten aus den Krankenhausnotaufnahmen in andere Versorgungsbereiche gelingen. Es fehlt dazu schon an den entsprechenden Versorgungsalternativen. Experimente mit „gemeinsamen Notfalltresen“ zeigen – soweit ich das überblicke – dass die Zahlen tatsächlich in die niedergelassene Versorgung oder gar in integrierte Notfallpraxen umgesteuerter Patienten im Vergleich zur Gesamtzahl der Vorstellungen und vor allem zur Auslastung üblicher Hausarztpraxen klein sind.
Von einem sektorenübergreifenden Versorgungsaspekt aus betrachtet scheint es mindestens fraglich, ob minderausgelastete kassenärztliche Notfallpraxen, deren ärztliches und pflegerisches Personal dem Regelbetrieb der hausärztlichen Versorgung entzogen werden muss, wo es bereits jetzt keine ausreichenden Kapazitäten für den Routinebetrieb gibt und die Wartezeiten enorm sind, wirklich eine so effiziente Versorgungslösung darstellen – im Vergleich zu Notaufnahmen, die ohnehin aus Vorhalte- und Qualitätsgründen technisch und personell besser ausgestattet werden müssten, als sie es gegenwärtig sind.
Vielleicht wäre es an der Zeit, sich von der Fiktion zu verabschieden, die Vertragsärzteschaft sichere in der Einzelniederlassung umfassend „die ambulante Notfallversorgung“, oder als könne man dies von ihr gegenwärtig auch nur annähernd erwarten. Die Zeiten haben sich geändert. Das Stethoskop und der klinische Blick können immer noch das ihre leisten. Wir müssen es aber heutzutage oft genauer wissen.