Das hätte er nicht gewollt. Die Tochter steht neben dem Intensivbett mit der summenden Pumpe, die Luft in die Polster bläst. Die Stimme ist tonlos, auch wenn der Satz bestimmt klingen soll. Ihr Blick geht zur Mutter auf der anderen Seite des Bettes. Die hält ihrem Mann die Hand und sucht nach seinen Augen, die hinter der Schutzcreme verschwunden sind und ins Nichts nach oben blicken. Die Haut ist gelb, der Beatmungsschlauch beschlägt im Rhythmus der Maschine. Der Luftstrom bläst blutigen Schleim hin und her.
Niemand hätte das gewollt. Niemand will so da liegen. Das reglose Gesicht, das nicht verrät, welche Schmerzen und welches Grauen der Hilflosigkeit, welche Angst, welche Atemnot vielleicht trotz des Schutzmantels aus Schlaf- und Schmerzmitteln noch empfunden werden. Schließlich: Er ist ja schon 78. Nie krank gewesen, bis zu dieser Lappalie, die ihn ins Krankenhaus geführt hat. Eigentlich eine Routinesache. Dann kam das Fieber, irgendeine Infektion. Plötzlich ist er verwirrt, wie es alte Leute sind, wenn das Fieber steigt. Man kann ihn nicht mehr fragen, welche Therapie er will. Wie weit wir gehen sollen. Die Angehörigen sprachen von einem Patiententestament, man habe sich Gedanken gemacht, alles festgelegt, eine Behandlung auf der Intensivstation, nein das wolle er nicht, keine Apparatemedizin, keine Schläuche. Jemand war nach Hause gefahren, das Schriftstück zu suchen.
Inzwischen wurde die Atemnot schlimmer, das Fieber stieg. Der Dienstarzt wurde nervös, unter anderen Umständen hätte er den Patienten schon längst auf die Intensivstation gebracht. Der alte Mann rang nach Luft, die Lippen wurden blau. Die Frau war noch im Zimmer. Starrte ihren Mann an. Man kann ihn doch nicht so ersticken lassen. Der Dienstarzt rief den Pfleger hinzu, jemanden holte den Notfallwagen. Die Instrumente wurden herausgerissen, Medikamente vorbereitet.
Der Patient verkrampft sich und erbricht. Das Bett wird herabgelassen, flach gestellt, der Dienstarzt zwängt sich hinter das Kopfende. Das Gesicht des alten Mannes ist grau. Er atmet nicht mehr. Eine Schwester versucht, das Erbrochene aus dem Rachen zu saugen. Der Dienstarzt reisst mit dem Stahlspatel den Unterkiefer nach vorn und führt den Beatmungsschlauch durch die Stimmritze in die Luftröhre. Mit einem Gummibeutel wird aus der Sauerstoffdruckflasche beatmet, während der Patient zur Intensivstation geschoben wird.
Jetzt liegt er da. Das hätte er nicht gewollt, sagt die Tochter wieder. Im fotokopierten Vordruck des Patiententestaments ist hinter dem Satz „sollte ich nach Auffassung der behandelnden Ärzte und nach Meinung eines weiteren, nicht mit der Behandlung betrauten Arztes, nie wieder in der Lage sein, ein selbstbestimmtes Leben führen zu können, so lehne ich lebenserhaltende Maßnahmen ab“ ein Kreuz in das Kästchen gemalt.
Das Erbrochene ist in die Atemwege geraten und hat zu einer schweren Entzündung geführt. Die Funktion der Lunge ist schlecht, die maschinelle Beatmung muss mit hohen Drucken durchgeführt werden, der Patient wird unter einer flachen Narkose gehalten. Die Ursache des Fiebers ist in einer Entzündung der Gallenwege ausgemacht, eine Gallendrainage wird eingelegt und die Infektion mit Antibiotika behandelt. Ob der Atemstillstand zu einer Schädigung des Gehirns geführt hat, können wir noch nicht beurteilen. Hierzu müsste es dem alten Mann besser gehen, die Schlaf- und Schmerzmittel müssten abgebaut sein, die Infektion ausgeheilt. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Patient verstirbt, ist hoch. Dennoch wissen wir nicht von irgendwelchen bleibenden Schäden. Der Patient könnte wieder völlig gesund werden. Ob er das Glück haben wird und wie lange es dazu brauchen wird, kann niemand vorhersagen.
Da die Nieren versagen, wäre eine Dialysebehandlung nötig. Ich versuche den Angehörigen die Situation zu erklären. Noch eine Maschine. Mehr Schläuche. Es geht aber nicht um eine dauerhafte Abhängigkeit von der Blutwäsche, sondern darum, jetzt die Chancen des Überlebens zu verbessern. Die Angehörigen wollen wissen, wie groß diese Chance denn sei. Wir verfügen über Möglichkeiten, anhand von Patientendaten die Sterbewahrscheinlichkeit auf der Intensivstation zu berechnen. So alt, so viele Organe versagen, die oder jene Erkrankung, chronische Leiden, die schon zuvor bestanden haben. Heraus kommt ein Punktwert und ein prozentuales Risiko. Von hundert ähnlichen alten Männern, wie hier einer liegt, sterben 87. Was bedeutet das für diesen einzelnen Menschen? Was bedeutet es für seine Angehörigen? Die Tochter fragt, ob es denn überhaupt noch Hoffnung gebe. 13 Prozent scheint die falsche Antwort.
Ich sage also nur „ja“. Deshalb tun wir das ja. Wären wir sicher, dass wir nichts erreichen können, dass unsere Therapie nicht greift, dass wir den Sterbeprozess nicht aufhalten können, dann wäre unsere Therapie nutzlos. Wir dürften sie diesem Menschen dann gar nicht zumuten. Denn eine Zumutung ist alles, was wir tun. Es ist die grausamste Verletzung der Intimsphäre, des Privatlebens, der Unversehrtheit des Körpers, die man sich nur vorstellen kann. Verschleiert nur durch die Medikamente, die den Patienten hoffentlich nichts davon spüren lassen und gerechtfertigt durch die Annahme, im Interesse des Patienten zu handeln, der sich nicht äußern kann. Wir handeln ohne Auftrag. Maßgeblich ist der mutmaßliche Wille des Patienten. Aber wie sollen wir den kennen? Hilft uns ein Patiententestament, welches ganz andere Situationen beschreibt? Immerhin scheint dem alten Mann das Leben nicht um jeden Preis erstrebenswert zu sein. Aber um welchen? Helfen uns die Angehörigen? Ich versuche, mit ihnen über Situationen zu sprechen, in denen er sich geäußert hat. Über kranke Bekannte, über Behinderte, über pflegeabhängige Menschen. Auch wenn ich weiß, dass niemand sich wirklich vorstellen kann, was es heißt ein Pflegefall zu sein. Auch wenn ich weiß, dass viele, auch ärztliche Kollegen, auf den Ekel vor der Versehrung, vor der Ohnmacht und Hilflosigkeit, mit Abwehr reagieren. Mit der Flucht in das Ein-Ende-Machen. Was hat der alte Mann gedacht, als er sein Kreuz malte? Wir einigen uns, zunächst alles zu tun, was zur Genesung beitragen könnte. Wir werden alle neuen Erkenntnisse besprechen. Wenn es Anhaltspunkte gibt, dass bleibende Schäden aufgetreten sind, dass eine Abhängigkeit von Pflege unausweichlich sein würde, werden wir darüber sprechen, die Therapie abzubrechen.
Nach einigen Tagen geht es dem Patienten besser. Er atmet teilweise selbst, öffnet die Augen, der Kreislauf stabilisiert sich, die Nieren beginnen wieder zu arbeiten. Die Leberwerte bessern sich nicht so wie erwartet, der Patient hat weiterhin erhöhte Temperaturen. Eine Computertomografie wird durchgeführt. Sie zeigt einen Tumor in der Bauchspeicheldrüse und Tumore in der Leber. Wir müssen annehmen, dass es sich um einen Bauchspeicheldrüsenkrebs handelt, mit Absiedelungen in der Leber. Sicher wissen wir es nicht. Der Zustand des Patienten verschlechtert sich wieder. Die Nierenfunktion erlischt erneut, der Blutdruck wird schlechter, die Lungenfunktion ebenso. Wie viel Zeit wird dieser Mensch noch haben? Wenn er die Intensivstation noch einmal verlässt, wie lange wird er brauchen, um wieder am Leben teilnehmen zu können? Wird der hinhaltende Kampf gegen einen unheilbaren Krebs seine restlichen Monate bestimmen? Wir sprechen wieder mit den Angehörigen. Wir müssen annehmen, dass der alte Mann in dieser Situation eine Therapie abgelehnt hätte. Wir stoppen die Gabe von Kreislaufmitteln. Tochter und Frau sind am Bett. Nach vier Stunden bleibt das Herz stehen.